Hans Paasche

"Ich heiße Paasche, war Seeoffizier und bin Revolutionär!" Berlin, 9. November 1918

Chronologie des Lebens von Hans Paasche (verfasst von Werner Lange)

1881 am 3. April in Rostock als Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers, Kolonialökonomen und nationalliberalen Reichstagsabgeordneten (1903-09 und 1912-18 Vizepräsident des Reichstages) Prof. Dr. Hermann Paasche und der Publizistin Elise Paasche geboren. Kindheit in Rostock, Marburg, Berlin und auf dem Gut Waldfrieden.1899 Paasche bricht den Schulbesuch vor dem Abitur ab und wird Seekadett, 1901 Fähnrich, 1902 Leutnant zur See.

1904 Inzwischen zum Oberleutnant befördert, wird Hans Paasche als Nautischer Offizier auf dem Kreuzer „Bussard“ vor der Küste Deutsch-Ostafrikas (heute Tansania) eingesetzt. Auf den Aufenthalt in Afrika hatte er sich unter anderem vorbereitet, indem er zuvor Kiswahili erlernte und sich vom Berliner Völkerkundemuseum mit einem Phonographen versehen ließ. Mehrere Jagd- und Erkundungsreisen in das Landesinnere. Paasche fotografiert dabei als Erster Großwild am Tage aus wenigen Metern Entfernung.

1905 So genannter Maji-maji-Aufstand in der Kolonie. Paasche wird zur Schutztruppe überstellt und im August Militärischer Befehlshaber im Distrikt Rufiji. Er befehligt entscheidende Gefechte, bemüht sich jedoch um raschen Friedensschluss, siedelt Friedfertige und Besiegte in seiner Station Mtanza an, um sie zu schützen. Auszeichnung mit dem Kronenorden mit Schwertern, aber gleichzeitige Abberufung wegen eigenmächtig geführter Friedensverhandlungen. Das Erlebnis des Aufstandes und damit verbundene Schuldgefühle bestimmen Hans Paasches künftiges Leben.

1906 Erneuter Einsatz auf der „Bussard“. Genesungsurlaub im Kilimandscharogebiet wegen einer Malariaerkrankung, weitere Jagd- und Fotosafaris. Veröffentlichungen (ihre Themen sind zunächst Jagderlebnisse und Wildschutz) in Zeitungen der Kolonie, erste (erhaltene) Phonographenaufnahmen von afrikanischen Gesängen. Rückkehr nach Deutschland.

1907 Paasche sucht Mitglieder des Generalstabes auf und kritisiert die Kriegführung während des Aufstandes, hält öffentliche Vorträge. Erste publizistische Angriffe auf die Regierung der Kolonie. Verlobung mit Gabriele (Ellen, geboren 1889) Witting, Tochter des Bankiers und ehemaligen Oberbürgermeisters von Posen (Poznan) Richard Witting. Paasche veröffentlicht sein erstes Buch: „Im Morgenlicht“ (Schilderung von Kriegs- und Jagderlebnissen, aber auch wertvolle ethnographische Mitteilungen).

1908 Navigationsoffizier auf dem Linienschiff „Schlesien“ in Kiel. Tätige Mitgliedschaft in Lebensreformbewegungen. Gründer der „Vereinigung abstinenter Offiziere der Kaiserlichen Marine“. Heirat mit Ellen Witting.

1909 Paasche wird als Kapitänleutnant aus der Marine entlassen; sein Abschiedsgesuch begründet er damit, dass er eine Forschungsreise nach Ostafrika unternehmen will. Er erreicht gemeinsam mit seiner Frau im November Mombasa und wendet sich zur Insel Ukerewe im Victoriasee, späterhin an das Westufer zum Gebiet der heutigen Staaten Ruanda und Burundi.

1910 Die Paasches bereisen forschend, sammelnd und jagend Ruanda, Burundi sowie Landstriche und Gebirge am Kivusee. Ellen steht im Juni als erste Europäerin an der von der Mündung am weitesten entfernten Quelle des Weißen Nils. Neben umfangreichen Sammlungen entstehen phonographische Aufnahmen und – mit vielen Fotografien versehene – Aufzeichnungen für das Manuskript „Hochzeitsreise nach den Quellen des Nils“, das leider verschollen ist. Rückkehr nach Deutschland im August.

1911 Hans Paasche ist zunächst als Geschäftsführer der Deutschen Nyanza-Schiffahrtsgesellschaft tätig und beschäftigt sich mit kolonialen Fragen, muss jedoch bald erkennen, dass seine Anschauungen mit den Anliegen seiner Auftraggeber unvereinbar sind. Er spielt eine hervorragende Rolle in der Abstinenzbewegung und nimmt von dorther enge Beziehungen zur Friedens-, Lebensreform-, Naturschutz-, und Jugendbewegung auf. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen, auch im Ausland. Paasche gründet gemeinsam mit Hermann Popert die Lebensreformzeitschrift „Der Vortrupp“ und wird ihr Mitherausgeber.

1912 Von seinem Vater erwirbt Paasche das zu Wiesental (Przesieki) gehörende Gut Waldfrieden in der Provinz Posen und bewohnt es künftig ständig. Seine Beiträge im „Vortrupp“ sind der Lebensreform, der Frauenbewegung und dem Naturschutz gewidmet. Im Mai erscheint darin die erste Folge der „Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“, vorgeblich von einem Afrikaner verfasst: eine kulturkritische Satire, die gegen den Machtwahn, den Fortschrittsglauben und die Lebensweise der deutschen Gesellschaft gerichtet ist. Hans Paasche wird zu einem entschiedenen, populären Vertreter der Friedensbewegung, sucht zum Beispiel General Keim, den Gründer des Wehrvereins, und den Generalfeldmarschall des Jungdeutschlandbundes auf und tritt für das Programm der Friedensbewegung ein.

1913 Paasche wird wegen pazifistischer Auftritte in Uniform vor ein militärisches Ehrengericht gestellt. Er ist inzwischen ein Idol der Jugendbewegung und gehört zu den Festrednern am „Ersten Freideutschen Jugendtag“ auf dem Hohen Meißner (Hessen). Er warnt vor der Kriegsgefahr und vor „betriebsamen Säbelschleifern“ in ganz Europa.

1914 Wie nahezu alle Deutschen, glaubt auch Paasche die Propagandalüge, Deutschland werde bedroht und meldet sich freiwillig zur Marine. Dort setzt man ihn angesichts seiner pazifistischen Vergangenheit in untergeordneten Stellungen ein – so als Beobachter auf einem Leuchtturm und als Wachoffizier auf einem Minenleger. Er erkennt die Verlogenheit der Kriegsbegründung bereits im Spätherbst.

1915 Paasche versucht die Lebensbedingungen der Matrosen zu bessern, indem er – immer wieder untersagte – kulturelle und lebensreformerische Programme für seine Untergebenen entwirft, Schulungen durchführt und eine diesen Zielen gewidmete Zeitschrift herausgibt. Überdies organisiert er geheime Zusammenkünfte, in denen Vorstellungen der Friedensbewegung und linker Sozialdemokraten diskutiert werden.

1916 Wegen seiner Weigerung, an einem Standgericht mitzuwirken, wird er im Januar aus der Marine entlassen. Er zieht sich auf sein Gut zurück, veröffentlicht das noch während der Dienstzeit begonnene Buch „Fremdenlegionär Kirsch“, dessen antinationalistische Tendenz von der Zensur nicht erkannt und das in mehrere Sprachen übersetzt wird. Vorstandsmitglied im verbotenen pazifistischen „Bund Neues Vaterland“, Gründungsmitglied der „Zentralstelle Völkerrecht“, Aufkündigung der Herausgeberschaft am „Vortrupp“, weil in der Zeitschrift der Krieg befürwortet wird. Paasche versendet – noch mit seinem Namen gezeichnete – Karten und Briefe an ihm bekannte Offiziere und Prominente, in denen er sich gegen die Fortsetzung des Krieges und gegen Kriegsanleihen ausspricht.

1917 Untergrundtätigkeit: Hans Paasche versendet Literatur und Flugblätter, die zur Beendigung des Krieges und zum Streik in Munitionsfabriken aufrufen. Der Versand der sowohl von in die Schweiz geflohenen Pazifisten bezogenen als auch selbst angefertigten Schriftstücke wird mit der Hilfe seiner Frau, seines Sekretärs Max Koch sowie französischer Kriegsgefangener vorgenommen, die auf dem Gut Waldfrieden beschäftigt sind. Im September wird er verhaftet, die Anklage beschuldigt ihn der Aufforderung zum Hochverrat und des versuchten Landesverrates. Untersuchungshaft in Schneidemühl (Pila).

1918 Um ein „Gutachten über seinen Geisteszustand“ anzufertigen, wird Paasche in die „Irrenbeobachtungsanstalt“ des Gefängnisses Berlin-Moabit eingewiesen. Das eigentlich für seinen Fall zuständige Militärgericht Bromberg verzichtet damit darauf, das Kriegsrecht anzuwenden (und den Sohn des Reichstagsvizepräsidenten erschießen zu lassen). Er wird als so genannter Schutzhäftling in einem Berliner Sanatorium festgehalten, im November von aufständischen Matrosen befreit und in den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte berufen. Man wählt ihn zum Vorsteher des Ressorts „Äußeres und Waffenstillstandskommission“, aber seine Bemühungen um die Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen und um ein Volksgericht über die Kriegstreiber bleiben vergeblich. Nach dem Scheitern der Revolution und Ellen Paasches frühem Tod im Dezember lebt Paasche mit seinen vier Kindern wieder auf Gut Waldfrieden.

1919 Seine bedeutendsten politischen Schriften „Meine Mitschuld am Weltkriege“ und „Das verlorene Afrika“ erscheinen. Nach der Ermordung von Rosa Luxemburg (Paasche nimmt an ihrer Beerdigung teil) und Karl Liebknecht muss er sich längere Zeit verborgen halten. Freunde warnen ihn, sein Name stehe auf den Mordlisten der Freikorps. Dennoch beteiligt er sich – unter anderem gemeinsam mit Albert Einstein und Heinrich Mann – an nationalen und internationalen Bestrebungen um Frieden und Völkerverständigung. Sein Gut Waldfrieden ist Zuflucht für geflohene Mitglieder der Münchener Räterepublik und andere verfolgte Revolutionäre.

1920 Am 21. Mai umzingeln fast sechzig Soldaten des Reichswehr-Schutzregimentes 4 aus Deutsch-Krone (Walz) das Gut Waldfrieden, um es angeblich zu durchsuchen. Hans Paasche wird hinterrücks erschossen, als er nach einem Bad im Tiefsee (Glebokie) zum Gutshaus hinaufgeht. Seine Tochter Helga hört auf dem Hof die Mörder grölen: „Hakenkreuz am Stahlhelm / Schwarz-weiß-rot das Band / Die Brigade Ehrhardt / Werden wir genannt.“ Die Untersuchung wird eingestellt, weil es sich nach Ansicht der Staatsanwaltschaft um „eine Verkettung unglücklicher Umstände“ handelte. Zur Beerdigung in Waldfrieden erscheinen Hunderte Menschen aus der Umgebung; einer der Gedenkredner ist Kurt Tucholsky.

1981 Zum ersten Mal seit dem Beginn der Zwanzigerjahre werden von einer Gruppe junger Historiker in Bremen wieder Veröffentlichungen Hans Paasches herausgegeben. Während der Weimarer Republik, im faschistischen Deutschland und selbst danach war er von der Öffentlichkeit vergessen worden. Lediglich seine Tochter Helga hatte sein Andenken bewahrt und ein „Hans-Paasche-Archiv“ gegründet.

1985 Mit der Genehmigung des polnischen Ministeriums für Kultur überführt Helga Paasche den Grabstein ihres Vaters vom ehemaligen Gut Waldfrieden zum Archiv der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein, wo er Bestandteil einer Dauerausstellung über Hans Paasche ist.

1987 Paasches späterer Biograph P. Werner Lange findet die überwucherte Grabstelle durch Vermessungen wieder auf, richtet sie her und kennzeichnet sie später durch ein Grabkreuz mit Gedenktafel.

1992 Der Verleger Helmut Donat und Helga Paasche geben Hans Paasches Gesammelte Schriften heraus.

1995 Die erste umfassende Biographie Hans Paasches erscheint.

2003 Dr. Jerzy Giergielewicz veröffentlicht eine Studie über Paasches Leben und Wirken, die weitere Beiträge in polnischen Tageszeitungen anregt.

2004 Auf Beschluss des Rates der Stadt Krzyz wird Hans Paasches Grab zur Gedenkstätte hergerichtet.

2005 An Paasches 85. Todestag wird Waldfrieden als Gedenkstätte der europäischen Verständigung der Öffentlichkeit übergeben.

Literatur:

– MAGNUS SCHWANTJE: Hans Paasche. Sein Leben und Wirken (= Flugschriften des Bundes Neues Vaterland, Nr. 26/27), Berlin 1921

– OTTO WANDERER (d.i. Otto Buchinger): Paasche-Buch, Hamburg 1921

– FRANZISKUS HÄHNEL: Erinnerungen an Hans Paasche. In: Junge Menschen, 3. Jg., Heft 11/12, Juni 1922

– HELMUT DONAT, WILFRIED KNAUER (Hg.): „Auf der Flucht“ erschossen. Schriften und Beiträge von und über Hans Paasche (= Schriftenreihe Das Andere Deutschland, Nr. 1), Bremen/Zeven 1981

– REINHOLD LÜTGEMEIER-DAVIN: Hans Paasche (1881-1920), Lebensreformer, Anti-Preuße, Revolutionär. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung Bd. 13, Burg Ludwigstein 1981

– HELGA PAASCHE: Ein Leben für unsere Zukunft. Hans Paasche zum 65. Todestag. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung Bd. 15, Burg Ludwigstein 1984-85

– PETER MORRIS-KEITEL: Umwertung aller Werte. Hans Paasches

„Lukanga Mukara“ neu gelesen. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 17, Burg Ludwigstein 1988-92

– HORST NAUMANN: Hans Paasche. Pazifist – Revolutionär – Kommunist. In: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD. Protokoll der wissenschaftlichen Konferenz …, Teil 1, Berlin 1989

– HANS PAASCHE (Hg. HELMUT DONAT, HELGA PAASCHE): Ändert Euren Sinn! Schriften eines Revolutionärs (= Schriftenreihe Geschichte und Frieden, Bd. 2), Bremen 1992

– KARL H. SOLBACH: Hans Paasche – Offizier, Reformer, Revolutionär. In: CORNELIUS NEUTSCH, KARL H. SOLBACH (Hg.), Reise in die Kaiserzeit. Ein deutsches Kaleidoskop, Leipzig 1994

– P. WERNER LANGE: Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland. Eine Biographie, Bremen 1995

– ALAN NOTHNAGLE: Metanoia! Hans Paasche – ein lebensreformerischer Visionär. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 45. Jg., Nr. 9, Berlin 1997

– GOTTFRIED PAASCHE, JOAQUIN KUHN (Hg.): The Strange Story of the Shooting of Captain Hans Paasche. The Writings and Actions of a Peace Martyr, Toronto 2001

– JERZY GIERGIELEWICZ: Hans Paasche: fascynujaca postac Niemca, w Polsce prawie nie znana. In: Wedrowiec Zachodniopomorski, 10. Jg., Nr. 2, Szczecin 2003

– HANS PAASCHE, P. WERNER LANGE: Die Legende von der Vertreibung der Kaiserin oder Potsdamer Beiträge zum deutsch-polnischen Jahr. In: Schriftzüge. Brandenburgische Blätter für Kunst und Literatur, 7. Jg., Nr.1, Potsdam 2005

– P. WERNER LANGE: Die Toten im Maisfeld. Hans Paasches Erkenntnisse aus dem Maji-Maji-Krieg. In: FELICITAS BECKER, JIGAL BEEZ (Hg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, 1905-1907, Berlin 2005

– WERNER LANGE (Transl. David Koblick): Hans Paasche. Militant Pacifist in Imperial Germany, Victoria 2005

– P. WERNER LANGE: „Und ich zweifelte, ob ich ein Krieger sei …“ Der Kolonialoffizier und Pazifist Hans Paasche. In: ULRICH VAN DER HEYDEN, JOACHIM ZELLER (Hg.), Macht und Anteil an der Weltherrschaft. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005

– P. WERNER LANGE: Die Treppe zum Himmel. Zur Eröffnung einer Gedenkstätte für Hans Paasche in der Wojewodschaft Wielkopolska. In: Inter Finitimos. Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte 3, Osnabrück 2006

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