Hans Paasche

"Ich heiße Paasche, war Seeoffizier und bin Revolutionär!" Berlin, 9. November 1918

Die Paaschelinde – mehr als ein Baum

Vortrag von Stephan Sommerfeld, Geschäftsführer der Jugendbildungsstätte Ludwigstein bei der

Jahrestagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung Thema: Erinnerungsorte – Erinnerungsgemeinschaften

Die Paaschelinde – mehr als ein Baum

Der zehnte Brief!

Hallo Hans Paasche! Nach fast hundert Jahren stehe ich nun hier an deinem Grab und denke über dich und dein Leben nach. Du hattest viele Ideale. Du wolltest die Umwelt schützen, du hast dich dafür eingesetzt, dass wir weniger Tiere töten, du warst Pazifist, du wolltest die Spießigkeit deiner Mitbürger ändern. Dafür hast du gekämpft und dafür bist du am Ende gestorben.

Fast hundert Jahre nach deinem Tod stehe ich hier und überlege, was sich seitdem verbessert hat. Und ich stelle fest, dass sich vieles verbessert hat, aber auch, dass vieles geblieben ist, wie damals.

Diese Worte sind der Beginn eines Briefes, den der 15jährige Witzenhäuser Schüler Nils Gädtke gemeinsam mit dem 14jährigen polnischen Schüler Michal Krzystak aus Krzyz/ Wielkopolska (ehemals Kreuz) an den jugendbewegten Lebensreformers und Pazifisten Hans Paasche schrieben und ihn, anläßlich seines 88.Todestages, am Grab in Polen vorlasen. Der Brief ist eine Antwort in die Geschichte und bezieht sich auf Paasches Buch „Lukanga Mukara“. Dort läßt Paasche ab 1912 den Neger Lukanga Mukara 9 Briefe aus dem innersten Deutschlands zurück ins heimatliche Afrika schreiben. Es ist eine köstliche und scharfsinnige Satire Kaiserdeutschlands, die inzwischen sogar Eingang fand in die für jeden zugängliche Gutenberg-Online-Bibibliothek.

Im Rahmen eines deutsch-polnischen Jugendprojektes entstand die Idee, diese Sammlung um einen 10. zeitgenössischen Brief zu ergänzen. „Der zehnte Brief“, so überschrieben wir dann auch das Projekt und einer der Briefe wurde eben von Nils und Michal verfasst. Ich werde im Verlauf des Vortrages sowohl auf das Projekt als auch diesen Brief wieder zurückkommen.

Zur Einordnung meines Beitrages. Als Leiter der vom Ring junger Bünde und von der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein getragenen Jugendbildungstätte Ludwigstein bin ich dazu da, Bildungsangebote hier auf der Jugendburg zu entwickeln. Und neben vielem was wir dabei bereithalten, erweist sich die Burg selbst mit ihrer wechselhaften Binnen- und Außengeschichte noch immer als der beste Lehrmeister.

Unter dem Titel Schülergeschichtspark laden wir junge Leute ein, sowohl im Archiv als auch oben auf dem Hohen Meißner den Teppich der Geschichte nach Mustern zu durchkämmen. Junge Römer, Mittelalterzünfte oder Grimms Märchen im Kartoffelkeller richten sich an jüngere Schüler, die Erzählungen von Jugendbewegung, Weltkrieg, Gemeinschaftswerk, Widerstand oder deutscher Teilung diskutieren wir mit höheren Klassen oder Studenten. Gemeinsam mit Stiftung und Archiv prüfen wir die uns anvertrauten Erinnerungskerne neu und versuchen die historischen Beweisorte behutsam zu revitalisieren.

Die Wiedereröffnung des Gedenkraumes, die Projekte auf dem Kriegsopferfriedhof oder die Spurensuche-Touren entlang der ehemaligen DDR-Grenze gehören in dieses vom Land Hessen unterstützte Aufgabenfeld. Mittendrin in diesem Ensemble des 20. Jahrhunderts lag und liegt die Paasche-Linde, über die ich heute in einer Mischung aus nachgeschlagener und erzählter Geschichte sprechen darf. Liebe Frau Stambolis, lieber Rolf – ich bedanke mich herzlich für Eure Einladung, hier dabei sein zu dürfen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Die Paasche-Linde auf dem Ludwigstein – mehr als ein Baum

So lautet das von den Initiatoren der Tagung vorgeschlagene Thema meines Vortrages und ohne allzuviel vorweg zu nehmen darf ich ihnen und euch verraten: Es stimmt – die Paasche-Linde war und ist – mehr als EIN Baum.

Wer gerne wandert, ich gehe davon aus, dass wir alle hier dieser simplen und faszinierenden Leidenschaft fröhnen, ist an ihnen schon vorbeigelaufen – den Naturdenkmälern. Und unter derer vielen gibt es auch ausgewiese Bäume. Tilly-Buchen, Verfassungs- und Tanzlinden, König-Ludwig-Eichen, Kaisereichen sowie Bäume hoher Zahl, die mal nach deutschen Sprachgenies (hier führen gewiß Luther und Goethe) aber noch viel öfter nach verdienten Forstbeamten der Region benannt sind. Darüber hinaus stellt sich nach dem Studium entsprechender Listen und Kategorien eine Gewißheit allerdings sofort ein – man kann in Deutschland nicht von einer Tradition sprechen, Bäume nach Pazifisten zu benennen. Mir bekannt ist nur ein einziger Baum – unsere Paasche-Linde – die als Naturdenkmal dieser Gesellschaftsströmung Ausdruck verleiht. Was die Paasche-Linde ist, ist in den Tonbandprotokollen des ersten Burgvogts Enno Narten folgendermaßen überliefert: (Ich versuche den beruhigenden, niederhessischen Tonfall zumindest ähnlich wiederzugeben.)

 

 

„Wenn man nun heute auf der Burg steht und hinab schaut ins Tal, dann sieht man etwas unterhalb der Burg eine mächtige Linde, die alte Burglinde, die einst im Burggarten gestanden hat, die heute den Namen Paasche-Linde trägt. Paasche war Kapitänleutnant in der kaiserlichen Marine, ein großer bekannter Alkoholgegner, der auch in der Marine sehr für Antialkoholismus geworben hat, der aber leider von verblendeten, jungen Menschen 1920 erschossen und ermordet worden ist. Ihm zur Erinnerung und zu Ehren wurde die Burglinde dann auf Veranlassung des Verlegers und Schriftstellers Walter Hammer und seines Freundes Dr. Buchinger aus Witzenhausen, damals Dozent an der dortigen Kolonialschule, Paasche-Linde genannt.

Sprechen wir also über dieses Denkmal – sprechen wir über die alte 2002 gestürzte Paasche-Linde!

Botanisch handelte es sich eine Sommerlinde „Tilia platyphyllos (Winterlinde Tilia parvofolia) und wie die Bilder zeigen, legte der riesige Umfang und die mächtige Krone den Gedanken an ein sehr hohes Alter nahe. Dr. Conrad Hampe (Die Paasche-Linde, Lu-Blätter Nr. 87, Mai) vermutete 1970 in den Ludwigsteiner Blättern das Gegenteil:

 

„Man hat sich die Entstehung des Baumes so vorzustellen, daß vorzeiten hier schon einmal eine wahrscheinlich einzelne Linde gestanden hat, welche aus irgendeinem Grunde entfernt wurde. Die Linde besitzt in besonders starkem Maße die Eigenschaft, in solchem Falle aus dem Wurzelstock zahlreiche neue Triebe zu treiben, welche in einem dichten Büschel zu Bäumen emporwachsen. Der Freistand nach allen Seiten begünstigt die Bildung einer mächtigen Krone, deren riesige Blättermasse einen schnellen Stärkezuwachs der Stämme erzeugt, welche dann infolge ihres dichten Standes zu einem einzigen Stamme zusammenwachsen. Sicher ist nur, daß der Baum zur Erzeugung einer solchen Stammstärke unter diesen Vorraussetzungen nur einen Bruchteil der Zeit benötigt, die ein Einzelstamm brauchen würde. Ich möchte annehmen, daß das Alter der Paasche-Linde in ihrer heutigen Gestalt kaum über 200 Jahre hinausgehen dürfte.“

Kein einzelner Stamm also, sondern ein zusammengewachsenes Bündel sogenannter Stockausschläge mit sichtbaren Wülsten und Kerben. Die Krone zerteilt sich über dem niedrigen Stamm so stark, daß sich nirgendwo so etwas wie ein durchgehender Schaft ausgebildet hat. Die Analogie zur streitsüchtigen deutschen Jugendbewegung liegen euch wohl auf der Zunge, aber halten wir bis hierher fest, dass die alte Paasche-Linde zumindest aus naturwissenschaftlicher Sicht mehr als ein einziger Baum war.

Der zehnte Brief!

Fast hundert Jahre nach deinem Tod stehe ich hier und überlege, was sich seitdem verbessert hat. Und ich stelle fest, dass sich vieles verbessert hat, aber auch, dass vieles geblieben ist, wie damals.

Noch immer kümmern wir uns nicht um die Umwelt. Wir fahren inzwischen viel zu viel mit Autos durch die Gegend, die uns und der Umwelt Schaden zufügen. Noch immer essen wir Fleisch. Inzwischen werden Tiere in großen Mengen produziert, durch die Gegend gefahren, getötet und verkauft. Damit verdienen manche unter uns ihr Geld. Und noch immer gibt es zuviel Mord und Totschlag auf der Erde. Unsere Bundeswehr ist in Aghanistan, die Amerikaner sind im Irak, und auch anderswo, in Afrika, herrscht Bürgerkrieg. Und dies sind nur einige Beispiele. Noch immer sind in der Gesellschaft enge Normen gesetzt, an die sich jeder halten soll. Tut er es nicht, dann ist er „anders“ oder „öko“ oder „Hippie“. Er wird von der Gesellschaft ausgeschlossen.

 

Wer war der 1981 zur Welt gekommene Hans Paasche? Im Rahmen des Seminars „Der zehnte Brief“ versuchten die Jugendlichen ihn mit Zangenbewegungen wenigstens grob zu erfassen und die Schüler stellten fest: der Mann war ein Skandal, seine Geschichte könnte dem Agenten James Bond, dem „Fluch der Karibik“-Pirat Jack Sparrows oder wahlweise dem schottischen Freiheitskämpfer William Wallace aus dem Schlachtepos „Braveheart“ komplette Drehbücher liefern.

Sein Vater Hermann Paasche ist ein mächtiger Politiker im kaiserlichen Deutschland: als Vizepräsident des Reichstages entscheidet er über den Kolonialetat und arbeitet als Schattenmann und Lobbyist für die Zucker- Tabak und Rüstungsindustrie und verdient am Gewinn der Polyphon und später UFA. Sein Sohn Hans dagegen fährt das komplette Gegenprogramm: bei Trinksprüchen auf den Kaiser stößt er mit einem Glas Wasser an, er tritt auf gegen Weißzucker, Nikotin und falsche Ernährung (Nikarnalken nannte er Leute die Nikotin rauchen (Ni), Karnivoren, also Fleischesser, sind (karn) und Alkohol trinken (alke)), attakiert die Hohlheit der Zerstreuungsindustrie und richtet sich als Kapitänleutnant a.D. friedensbewegt mitten im Ersten Weltkrieg gegen die Militarisierung und plant als Novemberrevolutionär Aufarbeitungsprozesse und Denkmalsprengungen. Paasches Mutter, Elise Paasche, ist eine antisemitische Nationalistin, die 1925 mit ihrem Mann eine Propaganda-Reise gegen die Schuld-Lüge durch Amerika organsiert. Ihr Sohn Hans heiratet 1908 mit Ellen Witting eine jüdische Frau und nennt seine bedeutendste Schrift „Meine Mitschuld am Weltkriege“.

Hans Paasche selbst kämpft in Ostafrika als blutjunger Kolonialoffizier den Maji-Maji-Aufstand nieder und wird mit dem Kronenorden 4. Klasse weggelobt, als er auf Kisuhaeli Friedensabkommen mit sogenannten Negern macht. Paasche resümiert unvergleichlich:

Der Feind: das ist eigentlich nur jener Mensch, den wir nicht lieben durften, weil sonst das Geschäft des Krieges gestockt hätte.

Paasche, der sich tendenziell immer weiter nach links entwickelte, wird von Beobachtern immer deftig beschrieben: ein Verrückter, der auf Händen läuft, Palmen hoch klettert, brilliant Ski fährt, Kunstsprünge über Marinemannschaftstische zeigt und ganze Schiffsbesatzungen vom Alkohol trockenlegt, ein blitzgescheiter weltgewandter Geist der immer Propaganda trieb, mal für dies und dann für jenes und der sein Umfeld mit Standpauken wach hielt, ein Missionar, dem keiner das Maul verbinden konnte. Einer, der bei allem Wollen oft jämmerlich geirrt hat, aber der keine Ehrfurcht kannte und der sein Leben nicht an das der Herde band. Ein Selbsterringender zweifellos, im besten Koebelschen Sinne.

Trotzdem war der Mann lange Zeit fast vergessen. Aber die Ludwigsteiner und andere wurden nicht müde an Paasche zu erinnern. Ich nenne hier unvollständig die Namen Helmut Donat, P.Werner Lange (zuletzt mit einem Paasche-Beitrag zur Kolonialismus-Tagung), Winfried Mogge, die Paasche-Tochter Helga Paasche-Wyss und als Knotenpunkt bis in unser Projekt hinein, Jürgen Reulecke. Deren Wiederausgrabungsarbeiten ließ 1982, kurz nach Paasches 100. Geburtstag den Spiegel erstaunt konstatieren: „Hans Paasche gilt neuerdings als Vorläufer der heutigen Umweltbewegung, gleichsam als einer der ersten Grünen“.

 

Der zehnte Brief:

Noch immer sind in der Gesellschaft enge Normen gesetzt, an die sich jeder halten soll. Tut er es nicht, dann ist er „anders“ oder „öko“ oder „Hippie“. Er wird von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Spätestens mit der Verhaftung Paasches 1916 und der Anklage auf Hochverrat mitten im Ersten Weltkrieg, schloß die Gesellschaft Hans Paasche ebenfalls aus. Sein Ruf nach Frieden störte die friedliche Einigkeit mit der man die Stahlgewitter am Kochen hielt. Die von seiner einflußreichen Familie organisierte Einweisung in eine Nervenklinik rettete ihn zwar vor der Erschießung, aber das Scheitern der Revolution von 1918 machte aus dem von Tischen agitierenden Überwältiger „Ich heiße Paasche, war Seeoffizier und bin jetzt Revolutionär!“ machte auch dem Vollzugsrat der linken Arbeiter- und Soldatenräte einen Außenseiter, der sich auf sein Gut Waldfrieden nordwestlich von Posen zurückzog. Dort schrieb er seine wegweisenden Bekenntnisse „Das verlorene Afrika“ und „Meine Mitschuld am Weltkriege“, deren Inhalte ihn für die Todeslisten rechter Freikorps qualifizierten.

Der Anfang der Paasche-Linde ist unmittelbar an das Ende von Hans Paasche gekoppelt. Am 22. Mai 1920 titelte die New York Times

„Deutschland in Aufruhr durch Erschießung des Sohnes des früheren Vize-Reichstagspräsidenten bei einer Durchsuchung nach Waffen“.

Was war passiert? Vermutlich aufgrund einer Denunziation umstellen am 21. Mai 1920 etwa 60 Soldaten des Reichswehrschutzregiments 4 aus Deutsch-Krone das Gut Waldfrieden, das Anwesen von Hans Paasche. Unter dem Befehl von Oberleutnant Koppe wird das Haus durchsucht, weil man dem Pazifisten unterstellt, er unterhalte ein Waffenlager für die kommunistische Revolution. Der erst 39jährige Paasche wird nicht angetroffen, weil er mit zweien seiner kleinen Kinder am unweit gelegenen Tiefen See zum Baden ist. Ein Soldat holt ihn. Als Paasche kurz vor dem Gutshaus die Postenkette entdeckt, flieht er reflexartig in den Wald.

Das gezielte Gewehrfeuer des Reichswehrschützen Dieckmann auf den nur mit einer Badehose Bekleideten, trifft den ehemaligen Marine-Käpitänleutnant, den Globetrotter und Reiseschriftsteller, den fulminanten Sprecher des Freideutschen Jugendtages Hans Paasche tödlich ins Herz, vor den Augen seiner Kinder. Nachdem seine Frau Ellen Paasche zwei Jahre zuvor im Alter von erst 29 Jahren an der Spanischen Grippe überraschend gestorben war, werden mit einem Schuß aus den 4 Kindern Joachim 9 Jahre, Nils 7 Jahre, Helga 4 Jahre und Ivan 1 Jahr Waisen.

Die Trauer ergreift viele, aber die Kommentare sind geteilt. Kurt Tucholsky nimmt mit den Worten „wieder einer, wieder einer“ in seiner Grabrede vor vielen hundert Deutschen und Polen Bezug auf die über 200 Todesopfer rechter Gewalt und Maximilian Harden, der berühmte Onkel seiner Frau, wütet:

„Er ist er zu einem blutigen Knäuel geschossen worden, das nicht mal mehr bis an die Grabstätte der Frau gebracht werden konnte.“ (Listen in „Zwei Jahre Mord“ Gumbel, politische Morde von rechts und links)

Der Vortrupp-Verleger Hermann Popert (er und Paasche hatten sich 1916 über Fragen  zum Krieg zerstritten) will es in seinem Blatt besser wissen:

Heute darf es gesagt werden, mein alter Freund Hans Paasche hatte von seinen afrikanischen Reisen ein schleichendes, unheilbares Leiden mitgebracht, dass den jungen, mutigen Geist mehr und mehr umdunkelte. Aufgrund von Todesdrohungen, Mißhandlungen seiner eigenen Mutter und Brandstiftungen wollte ich die Überführung in eine Anstalt und Entmündigung. Für die schlimmste Sache halte ich dagegen, die jetzt mit Vorliebe herumgetragene Behauptung, Hans Paasche sei ermordet worden. Was für ein Unsinn!“  (Hans Paasches Tod, Der Vortrupp, 9. Jahrgang 1920, Nr.12, 2. Juniheft)

In der gleichen Nummer findet sich von Paasches Eltern, eine Ergänzung der öffentlichen Danksagung für die Beileidsbezeugungen:

„Auf die vielen teilnehmenden Anfragen diene zur Nachricht, dass nicht Schuldbewußtsein, sondern ein infolge seiner Krankheit sich steigernder Verfolgungswahn die Ursache seiner verhängnisvollen Flucht gewesen. /Professor Dr. Paasche und Frau

Die vehement geforderte Untersuchung von Paasches Erschießung mündet am 4. Dezember 1920 in der Einstellung des Verfahrens in Schneidemühl. Lakonisch heißt es da:

„Der Tod sei lediglich auf ein Zusammentreffen nicht voraussehbarer unglücklicher Umstände zurückzuführen, für die niemand strafrechtlich verantwortlich gemacht werden könne“. (Freikorps: Marine-Brigade-Ehrhardt, aufgelöst am 20. April 1920)

Ein Jahr später, 1921, setzte die Jugendbewegung ein Zeichen. Zur Pfingstagung der Zeitschrift „Junge Menschen“ fanden sich 200 Freideutsche auf dem Ludwigstein ein, um sich zu Paasche zu bekennen. Der Verleger Walter Hammer (eigentl. Hösterey) der übrigens 1920 einer der Mitunterzeichner des 1. Aufrufs zur Gründung des Archivs der Jugendbewegung war, schrieb über den Verlauf des Pfingstmontag:

„Als wir am zweiten Pfingsttage nach unserer Paasche-Feier vom Steinbruch aus zum Ludwigstein zurückkehrten, weihten wir zur Stunde, als man am Pfingstmontag des vorigen Jahres Hans Paasche zu Grabe trug, diese zum Hanstein herübergrüßende Linde dem Andenken des toten Freundes. Sie heißt hinfort Paasche-Linde. Da sie schon alt ist und in einigen Jahrzehnten zugrunde gehen dürfte, soll dem Vegetarier Hans Paasche bei nächster Gelegenheit in der Nähe des Ludwigsteins ein Nußbaum gepflanzt werden.“

(Walter Hammer (eigentl. Hösterey), In Memoriam, Junge Menschen, Blatt der deutschen Jugend, 2.Jhg, Heft 10, Ende Mai 1921) (war)

Nicht jede Erinnerungsinitiative verlief so erfolgreich, wie man in Hammers Blatt lesen kann

„…in Dortmund ist man auf den Gedanken gekommen, eine Straße auch nach Hans Paasche zu benennen, doch wählte man sich dafür ausgerechnet eine Alle im vornehmsten Villenviertel aus. Am Ende ist aus der Umbenennung überhaupt nichts geworden.“(Artikel in Junge Menschen, Blatt der deutschen Jugend, 3.Jhg, Heft 17/18, September 1922)

Parallel realisiert sich in den Jahrzehnte verlassenen Mauern des Ludwigsteins die Idee der Jugendburg. Enno Narten ist auf die Burg gezogen und trommelt und fleht republikweit für den Aufbau. In der Zeitschrift „Zwiespruch“ läßt er ausführliche Spenderlisten abdrucken:

39.961,73 Mark gesammelt. Kommendes Wochenende entscheidet. Wir brauchen dringend eine Wasserleitung, denkt an Burg Eltz und Schloß Burg – abgebrannt! (Osterausgabe der Zeitschrift Zwiespruch)

Angesichts dieser Nöte, ließ man recht schnell ab vom ursprünglichen Gedanken, eine Paasche Gedenkstätte am Ludwigstein zu errichten.

Zur Ablösung der im Anhang der Paasche-Bücher eingegangenen Verpflichtung haben uns Gesinnungsfreunde einen Betrag von 10 835 000 Mark zur Verfügung gestellt. Im Einverständnis mit Franziskus Hähnel und O.Wanderer wird dieser Beitrag nicht zu einer Baumpflanzung oder Steinsetzung benutzt, sondern ganz der Jugendburg Ludwigstein zur  Verfügung gestellt. Verlag Junge Menschen, Hamburg, Der Fackelreiter-Verlag (Artikel in Junge Menschen, Blatt der deutschen Jugend, Beilage zum Augustheft 1923, S.18)

1923 wird die Paasche-Linde Versammlungsort. Zum 10jährigen Jubiläum des Freideutschen Jugendtags bleiben viele zu Hause die eigentlich kommen wollten, denn die Währungskrise ließ die Bahnpreise kurz vorher um das 10fache steigen. Trotzdem, so der spätere Burgarchivar Hans Wolf,

„war dieser Meißnertag 1923 die erste bedeutende Tagung, die auf der Jugendburg Ludwigstein stattfand. Der Burghof des Ludwigsteins erlebte Diskussionen härtester Art, Agitation stand gegen Diskussion. (…) Auch draußen bei der Paasche-Linde fanden erbitterte Auseinandersetzungen statt, aber dort einte ein ernsthaftes Spiel der umherziehenden Blachetta-Wandervogel-Schauspieltruppe alle Teilnehmer. (Hans Wolf, Das Jahr der Währungskatastrophe, Lu-Blätter Nr. 90, März 1971)

Wiederum 10 Jahre später wird der Ausbau der Jugendburg Ludwigstein mit der feierlichen Einweihung des Fahnengedenkraums für die gefallenen Wandervögel abgeschlossen. Es ist November 1933 und gegenüber den Kronachern und anderen der alten Jugendbewegung steht schon die Gebietsführerschule der Hitlerjugend mit erhobenem Arm im Hof. Der Freigeist Paasche wäre nicht zu haben gewesen für EinVolkEinReich-EinFührer. Das Schild an der Linde  kommt ab und für 12 Jahresringe wird die Paasche-Linde wieder zur Burglinde.

Ein Blick in unseren Kreis sagt mir, dass nach dem Zweiten Krieg nun die Phase beginnt, wo einige unter euch erstmals der Paasche-Linde auf dem Burgberg begegnen. Ich werde jetzt nicht „Hände hoch, wer hat seine Horte eingeritzt?“ fragen, denn ich bin mir sicher, das auch ihr, den begehbaren Erinnerungsort Paasche-Linde tatsächlich aufgesucht habt, sei es um unter ihrem Dach zu verweilen, in ihre Krone zu klettern oder neben dem wuchtigen Berg aus soviel Holz zu singen, zu lesen, zu streiten.

1960 wechselt die Linde die Wegseite. Durch den Straßenneubau im  Zusammenhang mit dem geplanten Kriegsopferfriedhof ändert sich die Straßenführung bis hoch zur Burg und für den Heraufkommenden wandert die Linde von der rechten auf die linke Straßenseite. Gut 20 Jahre später scheint sich die Halbwertszeit-Prognose von Walter Hammer zu bewahrheiten. Unter dem Titel „Rettungsarbeiten an der Paasche-Linde“ wurde in den Ludwigsteiner Blättern ein breit unterzeichneter Spendenaufruf gestartet, weil der Baum vom 11.-12. Juli 1984 bei einem Sturm schwer beschädigt wurde. Für 5.000 DM sägte eine Staufenberger Fachfirma für Baumchirurgie 35% die Holzmasse aus und verspannte mit Drahtseilen die großen Äste. Zur parallel in den Ludwigsteiner Blättern geforderten Ersatzpflanzung kam es nicht. (Lu 1986)

Als die Paasche-Linde während eines Sturms im Jahr 2002 endgültig fiel, raunte man sich unter dem Burgpersonal angesichts der nur ein Jahr zurückliegenden Tötung von Monika Neuenroth durch Winfried Mogge etwas von einem verspäteten Menetekel zu und dass die gute alte Paasche-Linde mit ihrem Sturz zur Umkehr, zur Besinnung mahnt. Wie zum solidarischen Beweis fiel kurze Zeit später der Greif vom Turm.

Das Ende der Paasche-Linde macht den Ort der Erinnerung unbegehbar – er verschwand. Der gedankliche Erinnerungsort selbst war präsent und der Wille ihn vom Ludwigstein aus weiter zu betreiben deutlich. Das Schild bekam die am nächsten stehende, eine etwa 40jährige Ablegerlinde. 2006 brach auch sie im Sturm.

 

 

 

 

 

 

Der zehnte Brief:

Noch immer sind in der Gesellschaft enge Normen gesetzt, an die sich jeder halten soll. Tut er es nicht, dann ist er „anders“ oder „öko“ oder „Hippie“. Er wird von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Aber es gibt auch heute noch Menschen wie Dich, Hans Paasche: Sie verhindern den Bau von Autobahnen an Stellen, wo Tiere darunter leiden. Sie fahren mit Schlauchbooten vor riesigen Schiffen her, um die Ermordung der Wale zu verhindern, sie sammeln Spenden für Kinder in Krisengebieten oder demonstrieren gegen den Krieg selber. Es gibt sogenannte „Ökos“, die ihre Tiere nicht Hunderte von Kilometern über die Autobahn karren und es gibt Leute, die sich um die Integration der „Anderen“ kümmern, die entweder selbst „anders“ sind, oder sich nicht darum kümmern, ob ihre Nachbarn es vielleicht sind. Diese Menschen riskieren viel für ihre Ideale, teilweise sogar ihr Leben, genau wie du.

Offensichtlich schien der Name Paasche den Kerkern der jugendbewegten Spiegelsäle sehr weit und dauerhaft entkommen zu sein, denn Archivar Olaf Grabowski erreichte 2006 eine Einladung zu einer Gedenkfeier für Hans Paasche anläßlich seines 86.Todestages mit einem ungewöhnlichen Absender: Gimnasium (eine Art Realschule) der Nobelpreisträger aus Krzyz/Wielkopolska. Dessen Schüler pflegten mit der Lehrerin Ludmila Wicher im Rahmen eines Adoptionsaktes Paasches Grab, schilderten einen Fahradweg dorthin aus, organisierten Führungen und lasen im Deutschuntericht seine Texte. Olaf schob mir das Papier unter die Nase und forderte: Los, das ist gut, da machst du ein richtiges Projekt draus!

Zurückzuführen sind diese Aktivitäten auf den polnischen Entdecker Paasches – der Stettiner Neurologe und Naturforscher Jerzy Giergielewicz (geb. 1924)

„Ich meine es ist ein großer Schaden für die Völker Mitteleuropas, schreibt er in einem Brief an das Ludwigsteiner Archiv, dass so eine ungewöhnlich schöne, aber auch tragische Menschengestalt wie Hans Paasche bis heute fast unbekannt ist. Ich meine auch, das gerade wir Polen sind viel schuldig dem deutschen Pazifisten, der in einer besonders schwierigen Lage sein Leben geopfert hat, um Frieden, Freundschaft und Versöhnung zwischen Menschen zu realisieren. Eine große Geste an einen Deutschen, gerade vor dem Hintergrund, das Giergielewicz 1942 im Alter von 17 Jahren als Angehöriger der Heimatarmee in Warschau von der Gestapo verhaftet wurde und die Lager Majdanek, Floßenbürg, Groß-Rosen und Neuengamme überlebte.

Familiär gab es sogar noch ältere deutsch-polnische Beziehungen aus dem Umfeld der Paasches. So ließ der Schwiegervater von Hans Paasche, der jüdische Bankier und Oberbürgermeister von Posen, Richard Witting, seinen 1892 geborenen Sohn auf den Namen Axel Boguslaw taufen. Wer die Begeisterung kennt, mit der die Polen jedes polnische Wort aus einem deutschen Mund aufnehmen, kann sich vorstellen, was dieser Taufname für Aufsehen erregte. (Der Jurastudent fiel am 6.11. 1914 in Flandern, Nähe Langemarck) (Witting war auch Stadtrat Danzig). Zwei Generationen weiter, war es in den 60er Jahren dann Franz von Hammerstein (ein Cousin der Paasche-Kinder) der als Gründer der Aktion Sühnezeichen aktiv für die deustch-polnische Versöhnung arbeitete.

Nochmal Olaf: Los, das ist gut, da machst du ein richtiges Projekt draus! Jetzt ging alles ganz schnell. Kontaktaufnahme Krzyz, Herbst 2006. Am Apparat ein Mann mit dem vertrauenserweckenden Namen Volodymur Vashuk – ein Ukrainer, der in Polen als Deutschlehrer arbeitet – alles klar!

„Ja, wir machen das Projekt, wir kommen mit 12 Jugendlichen zur Burg, aber zwischendurch müssen wir auch Getränke zu uns nehmen!“ Da er nicht von Apfelschorle sprach, drückte ich meine beiden Paasche-Augen zu und das Interesse am Projekt wuchs.

Doch wo nehme ich jetzt die deutschen Jugendlichen für die Begegnung her? Schulklassen fielen als Zwangsgemeinschaften aus. Wieder half das Archiv. Leiterin Susanne erzählte mir von den zwei 14jährigen Schülern Nils und Daniel, die, um einem Schulverweis zu entgehen, im Archiv der Jugendbewegung eine 14tägige Besinnungsstrafe abbrummten. Grund: Sie fühlten sich im Prozeß der Neu-Namensgebung ihrer Witzenhäuser Gesamtschule undemokratisch übergangen und hatten in der Nacht vor der feierlichen Namenseinweihung die Schriftzüge „Johannisberg-Schule“ durch ihren Wunsch übersprayt: „Martin-Niemöller-Schule“. Elektrizität – Ich rannte runter. „Ihr seid Paasche!“ jauchzte ich, machte sie fix zu Paasche-Fans und hatte den Kern unserer Gruppe gefunden.

Den weiteren Verlauf des Projektes „Der zehnte Brief“ kann ich hier nur in Stichworten skizzieren. Unterstützt vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, vom Land Hessen und von der Stiftung Dokumentation fand im September 2007 eine Hinbegegnung auf dem Ludwigstein und im Mai diesen Jahres die Rückbegegnung in Krzyz statt. Partizipation braucht authentische Problemlagen, heißt es, und davon hatten wir genug, so daß wir alle inhaltlichen Elemente (Sprachanimation, Archiv- und Zeitzeugenarbeit, Schulbesuche, Familienübernachtung, Paasche-Schulkabinett gestalten, Meissner-, Kanu- und Fahrradexkursionen) mit den 14-16jährigen Jugendlichen gemeinsam in Vorbereitungsseminaren entwickeln konnten.

Hier entstand auch die Idee, das die polnischen Schüler eine kleine Linde aus Zaczice (so heißt Paasches Gut Waldfrieden auf Polnisch) als neue Paasche-Linde zur Burg mitbringen. Nicht spektakulär, jedoch vor gut einem Jahr auch nicht ganz normal, denn die antideutsche Politik der regierenden Kaczynski-Zwillinge griff in allen Ebenen deutsch-polnischer Beziehungen hemmend und verletzend ein. Das wir den kanadischen Enkel von Hans Paasche, Gottfried Paasche (ein emeritierter Soziologie-Professor aus Toronto) und seinen in New York lebenden Sohn Franz Paasche für unser Projekt gewinnen konnten, war ein Glücksfall. Das Moment der lebendigen Paasche-Familie verlieh unserem Jugendtreffen Seele und Mitte.

Auf Ort der alten Paasche-Linde hatten wir einen kleinen Platz schieben lassen, der polnische Förster hatte in Waldfrieden drei Bäumchen ausgegraben und nun pflanzten wir tatsächlich am Mittwoch des 5. September 2007 unter Fackeln eine winzige, neue Paasche-Linde. Ludmilla sprach, Jürgen sprach, Gottfried bebte und wandte sich an die Jugendlichen: Ich wünsche, dass eure Enkel später so stolz auf Euch sind, wie ich, stolz auf meinen Großvater bin. Dann küßte er die Linde und schmetterte den knipsen wollenden HNA-Reporter mit den Worten „Weg da, das ist privat“ aus dem Lichtkreis. Das Photo kam dann aber doch zustande. Die Schüler gossen ordentlich Wasser an die Wurzeln und sangen: „Oh Paasche-Tree – how lovely ist your history, Oh lipa ma – jak piekna twa historia“ (Der Gesang war ordentlich schief, Jürgens jungenschaftchorverwöhnte Ohren rollten sich mächtig ein.)

Jugendreflexionen:

  • Die Gruppe ist total nett
  • Gottfried Paasche, der Nachkomme von Hans Paasche, war hier
  • Die polnischen Schüler haben versucht uns Polnisch beizubringen
  • gefallen hat mir die Einpflanzung der Paasche-Linde
  • das Interview mit Gottfried hat mich sehr berührt und der Zusammenhalt der Gruppe, die von Tag zu Tag gestärkt wird, ist unglaublich!
  • Gute Stimmung, Motivation von allen Leuten
  • Viele Nationalitäten! Gut!
  • Gottfried küsst den Baum 🙂 Smiley
  • Trotz wenig Sprachkenntnissen, sehr gute Verständigung
  • die polnische Gruppe ist in die Schule mitgekommen
  • Jeder in meiner Gastfamilie kümmert sich um meine Ernährung. Ständig werde ich gefüttert.
  • Ich war ein hoffnungsloser Kajakfahrer. Wir lernten uns auf der Drawa als deutsch-polnische Gruppe besser kennen. Jetzt bin ich ein weniger hoffnungsloser Kajakfahrer.
  • Beim Umsteigen in Poznan betraten wir zum ersten Mal im Leben polnischen Boden.
  • Der Standard der Feuerwehr in Polen ist identisch mit dem in Deutschland.
  • Mit einem Ritterschlag wurden wir zu Feuermeistern der polnischen Pfadfinder.
  • Wir kommunizieren zu 80 % auf Englisch, zu 10% auf Deutsch und zu 10% auf Polnisch.

Was ich gelernt habe:

  • wer Hans Paasche war, was er mit Burg Ludwigstein und dem Meißner zu tun hat
  • ein bisschen Polnisch
  • etwas über Krzyz und Polen
  • polnische Schimpfwörter und die Bezeichnungen der Geschlechtsorgane
  • „O Paaschebaum“ in vier Sprachen
  • mich mit einem interessanten Sprachmix zu verständigen
  • all die Geschichten von Paasche
  • die Schule ist nicht gleich in Polen und Deutschland oder Frankreich
  • nun weiß ich, dass man vor einem Auftritt zumindest mal das Lied mit allen komplett üben sollte, damit keine Pannen entstehen

Was kann die kleine Linde leisten?

Viele junge Menschen wachsen augenscheinlich in einer sich permanent erneuernden Gegenwart auf, in der eine 90er-Jahre-Party als Traditionsveranstaltung durchgeht. Die Gegenwart in der wir leben geht oft so schnell vorbei, daß Erlebnisse, die im Jetzt eher als unbedeutend empfunden werden, manchmal erst in der gemeinsamen Erinnerung Bedeutung erlangen. Die Essenz dessen, was man in der Gruppe tut, gewinnt man zum Teil erst morgen, wenn man von gestern erzählt. Wir erzählen uns, woran wir uns erinnern wollen. Diese geteilte Erinnerung schafft Erinnerungsorte. Orte, die uns versichern, es wirklich erlebt zu haben. Ein Erinnerungsort ohne glaubwürdige Anhänger verblasst. Ein Erinnerungsort braucht Fans, Jünger, Zeugen. Nichts könnte schlimmer sein, als nicht dabeigewesen zu sein oder sogar, es nicht beweisen zu können.

Ich sage, der Erinnerungsort Paasche-Linde lebt!

Unabhängig von unseren symbolischen Aufladungen des Zweiges, generiert der Name Paasche ein Interesse. Beispiele:

In diesem Frühjahr reisten drei, mir bis dahin unbekannte, polnische Pfadfinder über Nacht an, observierten minutiös alle Paasche-Spuren auf dem Ludwigstein, liefen hoch zum Meissner und fuhren nur 16 Stunden nach ihrer Ankunft zurück nach Polen. Begründung: Paasche inspiriert uns!

Mit Hilfe der Stiftung Dokumentation liegt seit diesem Jahr die polnische Erstübersetzung des „Lukanga Mukara“ vor und „Gazeta Wyborcza“, die maßgebende polnische Tageszeitung verkündete ganzseitig im letzten Jahr „Hans Paasche – nowy idiol gimnasializtow z Krzyza Wiekopolski – Hans Paasche – das neue Idol der Schüler aus Kreuz.

Einige Mädchen unseres Projekts interessieren sich für Ellen Paasche, die 1915 einen Aufruf zum Frieden im Berliner Tageblatt, Nr.575 vom 10. November 1915) veröffentlichte.

Und darum meine ich, muß die Friedensbewegung in Deutschland nach dem Kriege ins Ungeheure wachsen. Und wer ist berufener, an diesem Werke mitzuarbeiten, als die Frauen.

Über den gerade veröffentlichten Suhrkamp-Thriller einer Generalsfamilie von Hans-Magnus Enzensberger „Hammerstein oder der Eigensinn“ (liegt unten im Archiv) ist das darin enthaltene Paasche-Thema (Hammerstein-Wandervogel-Tochter heiratet Paasche-Sohn) weiter als je zuvor verbreitet worden.

Und die Schüler des Projekts der „Der zehnte Brief“ schrieben inzwischen schon einen 11.  Brief nach Njombe in Tansania, unweit vom Malawi-See. Sie suchen mit Hilfe von keckes (Ludwig Gernhardt) tansanische Schüler, die ihnen helfen, im Jahr 2010 einen neuen Kontinent auf den Spuren von Hans Paasche zu entdecken.

Der Ort Paasche-Linde lebt auch, weil er uns befragt.

Seid ihr aufrichtig? Habt ihr noch Mut? Warum führt ihr Krieg am Hindukusch? Typische Paasche-Fragen und somit Fragen der politischen Bildung und der Persönlichkeitsbildung!

Und der Ort lebt auch, weil die Paasche-Linde topographisch und inhaltlich für die soziale Plastik des Ludwigsteins notwendig ist. Hier unterhalb der Burg als Verweilscharnier zwischen den toten Wandervögeln des Gedenkraums und den gemeinsam beerdigten Zwangsarbeitern, Zivilisten, Waffen-SS-Soldaten und Gestapo-Opfern auf dem Kriegsopferfriedhof. Und als deutsch-polnisch-afrikanisches Probierscharnier und botanisches Emblem einer verquickten Welt, die heute keiner mehr außen vor lassen kann, wenn er eigene Probleme lösen will. Aber die Linde ist auch nicht alleine, Paasches 200kg-Grabstein wacht anbei und in der Burg kümmert sich der pazifistische Fahrtenbund Zugvogel als Raumpate um das Paasche-Zimmer.

Der Ort lebt auch, weil er wächst und über sich hinaus weist!

Lasst euch von dem blattlosen Stengel da unten nicht täuschen. Die zarten Wurzeln sind schon eine beachtliche Erinnerungsmatrix, die für Jugendliche attraktiv ist, weil sie unbetreten, einigermaßen wild und wegelos erscheint. Jeder Schritt birgt Neuland, die Flügel jucken. Paasche-Texte lesen, so mein Eindruck, hält junge Leute dabei eher auf. Nach vorne soll es gehen, in die fremde Sprache, in die fremde Gastfamilie, zu den exotischen Paasche-Zeugen, ins fremde Afrika, um das Land zu spüren, dass Hans Paasche zu seinen zentralen und widerständigen Einsichten brachte.

 

Die deutschen und polnischen Jugendlichen sind zum Glück noch weit weg von Festschreibungen. Sie sehen äußerlich oft hart und stark aus, sind aber voller Gefühle, Wahrheitswut und Mitleid. Alles liegt vor noch ihnen, aber ihren Blick richten sie ausschließlich und unerbittlich auf ihr Gegenüber. Zu allem setzen sie sich in Beziehung. Wie Hans Paasche. Dann kommt mit Gottfried Paasche ein Mann aus Kanada und zeigt ihnen allein schon mit seiner weiten Reise, wie wichtig ihm sein Großvater ist und erzählt, wie sich der erbitterte Vaterkampf in die nächste Generation über Israel, Japan und Kalifornien fortgesetzt hat. Das Paasche-Drama aus dem Mund des Enkels – das lassen sie gelten.

Ich denke, es kann nicht schaden, wenn sich Jugendliche auf Paasche beziehen. Paasche folgen heißt wach bleiben: Du sollst leben und dazu mußt du viel probieren. Suche zu den Dingen deine eigene Position – dazu darfst du dein Maul aufmachen. Verteidige deine Meinung, aber wenn sie sich als falsch herausstellt, ändere deinen Sinn. Trotzdem kannst du du selbst bleiben.

Jugendliche wollen nichts aufarbeiten, sie wollen sich in der Welt der Gegenwart erleben, Gefühle generieren (sagte Roland heute früh), Freunde finden, sich engagieren und Aufgaben lösen und wer sonst könnte auf dieser aufregenden Lebenstour ein hingebungsvollerer Guide sein als ein Kapitänleutnant, Großwildjäger, Nilquelleneroberer, Reiseschriftsteller und Revolutionär.

Der zehnte Brief:

Hans Paasche, ich denke du warst schon ein cooler Kerl. Ich hätte dich gerne kennen gelernt. Ich wäre gerne so wie du. Manchmal bewundere ich deine Taten und bin unzufrieden mit dem, was ich tue. Dann fange ich an zu meckern, statt etwas an meinem Verhalten zu ändern. Aber mehr als Meckern kriege ich nicht auf die Reihe. Ich denke, du warst ein großartiger Mensch und wenn sich alle Menschen hier an dir ein Beispiel nehmen würden, wäre die Welt gleich ein Stück besser.

Hochachtungsvoll

Deine Freunde Nils und Marcin!

 

Danke für ihre Aufmerksamkeit!

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